Urbane Legende
In den 1960er und 1970er Jahren waren die üppigen Checkertaxis ein vertrauter Blickfang im urbanen Dschungel amerikanischer Großstädte. In New York erlangten sie in der gelben Kriegsbemalung mit dem schwarzweißen Karomuster Kultstatus. Sie wurden so typisch für den Big Apple wie Würstchenverkäufer und Freiheitsstatue. Heute – fast ausgerottet – gilt der kommerzielle Klassiker als seltenes Sammlerstück. Dieter Losskarn fährt das einzige in Afrika.
Ich kann mich noch genau erinnern. Damals war ich als Steppke mit meinem Vater im Kino. Da lief irgendein amerikanischer Streifen, dessen Titel mir entfallen ist. Plötzlich tauchte dieses dicke, gelbe Auto mit den freundlichen Augen und dem breiten Grinsen auf. Mein erster Blickkontakt mit einem Checkertaxi. Ich verliebte mich auf der Stelle. Von da an wollte ich eines dieser Autos. Unbedingt. Und ich suchte später jahrelang. Während ich noch in Deutschland lebte und selbst als ich nach Südafrika ausgewandert war.
Dann, eines Nachts, beim Surfen im Netz, entdeckte ich es. Nicht ganz in New York, aber im benachbarten New Jersey. Nahe genug für eine Übergabe im Big Apple. Es mußte einfach dort sein. Aus dramaturgischen Gründen. Den Cityslicker dem urbanen Umfeld im Herz von Manhattan entreißen….
ch nahm mit dem Besitzer Kontakt auf. Ein Typ mit dem nicht wirklich Vertrauen einflößenden Namen Orlando Lobelo. Trotz der Assoziation mit Disneyland und Fettlippenstift hörte er sich zunächst ganz ok an – am Telefon. Das Auto klang allerdings fast zu gut, um wahr zu sein. Laut Orlando ein Original-1976 A-11 Taxicab-Modell mit nur 90 000 Meilen auf der Uhr, in tadellosem Zustand, einem 5,7-Liter-Chevy V8-Motor und GMs Turbo 400 Hydramatic-Getriebe. Nach einigen Recherchen fand ich heraus, dass der Wagen ursprünglich neu ab Fabrik in Kalamazoo, Michigan als New York-Taxi geordert worden war. Allerdings nicht von einem Taxler, sondern von der US-Regierung, genauer gesagt der DEA (Drug Enforcement Agency = Drogenfahndung). Das erklärte den relativ niedrigen Meilenstand, die leistungsstarke Maschine und die fast fossilierten Donut-Krümel in den Ritzen der schwarzen Vinylsitze. Echte Cabbies zogen den „verbrauchsfreundlicheren“ Reihensechszylinder vor. Aber, wenn du Drogendealer in einem Zweitonnen-Monster durch die Straßen von Manhattan jagen und zur Strecke bringen möchtest, brauchst du ein bißchen Extra-Power und Vorwärtsmomentum.
Die ganze Background-Story erinnerte mich sehr an die Szene in einem meiner Lieblingsfilme: Blues Brothers. Und zwar die, als Elwood Jake im Knast abholt und mit dem neuen Bluesmobil über eine sich gerade öffnende Zugbrücke in Chicago springt. Das Zitat hatte sich bei mir eingeprägt wie ein Mantra: “Es hat ein Bullenmotor, auf 350 PS aufgeblasen, es hat Bullenreifen, Bullengetriebe und Bullenstoßdämpfer. Das ist ein Modell das von katalytischen Konvertern gemacht worden ist, läuft also mit Normal-Benzin. Was sagst du jetzt? Ist das das neue Bluesmobil, oder was?!” Nein, das wird endlich mein neues Gelbmobil. Ich war scharf und wollte die Karre unbedingt. Ebenso gelb- wie der Verkäufer geldgierig. Orlando spürte das intuitiv und trug weiter zum Mythos bei, indem er mir erzählte, dass er das Taxi in der Vergangenheit oft für Filmproduktionen in New York vermietet hatte. Unter anderem für Carlitos Way. Und ja, Al Pacino sass tatsächlich in einer der Szenen auf dem Rücksitz….
Das wars dann. Nachdem ich jahrlang gesucht hatte, mußte es nun auf alle Fälle dieser spezielle Checker sein, trotz des überhöhten Verkaufspreises und der Tatsache, dass ich bisher nur vier recht unscharfe Polaroids von der Karre gesehen hatte. Ganz zu schweigen davon, dass praktisch der gesamte Atlantik zwischen mir in Kapstadt und dem Checker in New Yorlk lag.
Um es kurz zu machen, der kolumbianisch-amerikanische Orlando mit seinen langen, ungekämmten fettigen Haaren und dem einst wohl schwarzen, nun schmierigen Anzug, sah exakt so aus wie ein Typ von dem man unter keinen Umständen einen Gebrauchtwagen kaufen sollte. Und als er den Checker vor das kleine (aber trotzdem verdammt teure) Hotel am Central Park manövrierte und ich meinen Traumwagen zum allerersten Mal live vor die Pupillen bekam, schlug beim Abbremsen das vordere Ende fast auf dem Asphalt auf, während grünes Anti-Freeze aus dem Kühler sprotzelte.
Das einzige Makellose an dem Deal war das Bündel druckfrischer Dollarnoten in der Gesäßtache meiner 501 – der Restbetrag für den Gelbtransporter. Während Orlando lauthals die Greenbucks zählte, nachdem er sich vorher einen dreifachen Wodka on the Rocks an der Bar geordert hatte, war jeder in der Hotel-Lobby davon überzeugt, dass hier gerade ein Drogendeal über die Bühne gegangen ist. Das passte zumindest zur Herkunft des Autos.
Es ist nun schon wieder ein paar Jahre her, aber ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie ich im waidwunden Checker an einem Freitagnachmittag nach Südmanhattan, mit seinen für die Gegend unerwarteten Dritte-Welt-Werkstätten, getuckert bin. Ich hatte, wie sich später herausstellen sollte, Glück und fand “Juan’s 12th Street Auto Repair”, in einem dunklen Innenhof, der nach altem Öl, Auspuffgasen, ranzigem Fett und kaltem Schweiss stank.
Atilano, der Werkstatt-Manager, besaß die aristokratischen Gesichtszüge eines zu Menschenopfern fähigen Maya-Priesters. Nichtsdestotrotz waren seine mechanischen Fähigkeiten über alle Kritik erhaben. Er diagnostizierte eine ausgeschlagene vordere Radaufhängung, vollständig aufgeriebene Bremsbelege und – natürlich – einen leckenden Kühler. Wie selbstverständlich orderte er die Teile telefonisch und teilte mir in seinem melodischen Slang mit: “Morgen Nachmittag wird “sie” fertig sein”.
Und er verarschte mich überraschenderweise tatsächlich nicht. Sie lief am nächsten Tag wirklich wunderbar. Dieses Gefühl, nach so vielen Jahren endlich in einem Checkertaxi durch die Straßen von Manhattan zu cruisen, war unbeschreiblich und ich habe es bis heute nicht vergessen. Brooklyn Bridge, Time Square, Central Park. Ich nahm das Interieur zum ersten Mal bewußt wahr. Der Rücksitz war weit weg und riesig – quadratmeterweise Amerikana. Die großen Pedale waren offensichtlich für Yetifüße gemacht. Das Armaturenbrett besaß eine enorme Benzinuhr und einen gleich großen Tacho. Alles andere wurde durch winzige, rote Warnlämpchen angezeigt: Sitzgurt anlegen, Handbremse gezogen, Türe offen und Öldruck. Die “Handbremse” wurde in amerikanischer Tradition mit dem linken Fuß getreten, und per Handhebel wieder gelöst. Scheibenwischer und Belüftung wurden mittels zweier großer, silberner Knöpfe bedient. Strategisch so platziert, das man sie nur mit Lenkkrad in Geradeaus-Position erreichen konnte.
In den folgenden Monaten reiste ich in dem Kultmobil quer durch die Staaten, fuhr mehr als 15 000 Kilometer, von Manhattan nach Hollywood. Immer wieder winkten die Leute: „A Checker – a real Checker, I can’t believe it“. Grand Canyon; Monument und Death Valley, Las Vegas und natürlich die Straßen von San Francisco. Zugegeben, es war mehr eine rollende Restaurierung, als ein relaxter Urlaub, was meine Zuneigung zu dem gelben Yank-Tank aber nur intensivierte.
Nachdem der Checker nach vielen Wochen auf See endlich in Kapstadt eingetroffen war, begann die eigentliche Renovierung. Der Original Small-Block Chevy-Motor erfuhr eine ganz besondere Frischzellenkur. Er bekam sowohl eine Edelbrock-Ansaugbrücke als auch einen 600er Holley-Vergaser, einen K&N-Luftfilter und eine maßgeschneiderte 57 Millimeter Edelstahl-Auspuffanlage spendiert. Resultat: Etwas mehr Power, ein erheblich besserer Sound und – für ein Auto dieser Größe – die Möglicheit bei beeindruckenden Ampelstarts ein bißchen Gummi auf dem Asphalt zurückzulassen.
In Rolands Garage in Hout Bay bei Kapstadt, zerlegten wir den Wagen komplett. Die Karosserie wurde entrostet, grundiert und lackiert. Das zerrissene Vinyl gegen hautfreundliches und wohlriechendes Leder getauscht und alle Tür- und Fenstergummis ersetzt. Nach etwas mehr als einem Jahr sah das Auto erheblich besser aus als beim Verlassen der Fabrik im Jahr 1976.
Seither bin ich in ganz Südafrika herumgefahren, zu Oldtimer-Treffen in Pretoria, George, Port Elizabeth und – selbstverständlich – Kapstadt. Es gibt nur eine Methode das Taxi zu fahren: mit einer Hand am Lenkrad, dem anderen Arm aus dem Fenster hängend, während coole Musik aus der Anlage trönt. Egal, wo ich in Kapstadt mit dem Checker aufkreuze, es gibt jedes Mal einen Auflauf und die Reaktionen sind durchweg positiv. Menschen verehren das Checkertaxi als Kultobjekt, erkennen es aus Filmen. Es ist tierisch beliebt für Abschlussbälle und Hochzeiten. Und selbst wenn ich es in Camps Bay, an der Flaniermeile Kapstadts, neben Ferraris oder Lamborghinis parke, wer wird wohl mehr fotografiert? Ein Original-New York Checkertaxi erregt heutzutage definitiv mehr Aufsehen als die meisten anderen fahrbaren Untersätze. Und das nicht nur in Afrika.
Checker it out – Background-Story
Es wäre eine ideale, finale Frage bei “Wer wird Millionär? Was ist das am längsten gebaute Modell in der amerikanischen Automobilgeschichte? Mit ziemlicher Sicherheit würden selbst benzin-inspirierte Blechverrückte nicht die Million gewinnen. Nicht vielen ist bekannt, dass das Fahrzeug, um das es hier geht von einem unabhängigen Autohersteller, der Checker Motors Corporation in Kalamazoo, Michigan produziert worden ist. Gegründet wurde das Unternehmen 1922 von dem russischen Einwanderer Morris Markin, der, nachdem er, wie sich für eine gute Geschichte gehört, mittellos in den Staaten angekommen war damit begonnen hatte Hosen herzustellen. Mit einem Großauftrag für Uniformhosen im Ersten Weltkrieg stieß er sich gesund.
Durch und durch Geschäftsmann lieh er einem Freund eine größere Summe Geld, damit dieser Taxikarosserien herstellen konnte, für die Commonwealth Motor Company in Joliet, Illinois, die die dazu passenden Fahrwerke anfertigten. Als sein Freund in finanzielle Schwierigkeiten geriet, übernahm Markin kurzerhand das Unternehmen und taufte es in Markin Auto Body Corporation um. Daraufhin überliess er seinem Bruder das Hosennähen und widmete sich ganz der Taxiproduktion. Als nächstes übernahm er Commonwealth und konnte somit fast komplette Taxis herstellen, bis auf die Motoren, die von Buda geliefert wurden.
Immer noch nicht glücklich mit seinen automobilen Aquisitionen erwarb er als nächstes die Checker Cab Company in Chicago. Ein populäres und bekanntes Taxiunternehmen, das für das schwarzweiße Schachbrettmuster an den Seiten und Dachrändern seiner Droschken, sowie an den Schildkappen und Manschetten seiner Fahrer bekannt war. Markin gefiel das Design so gut, dass er es zum Markenzeichen seiner neuen Firma machte: der Checker Motors Corporation. Checker-Autos waren geboren.
Etwa 80 % der Produktion waren Taxis, der Rest Pkw-Versionen davon. Die Produktion des berühmten A-11 und seines komfortableren, zivilen Bruders, dem A-12 Marathon, begann 1958. Bis die Produktion 1982 endgültig eingestellt wurde, änderte Checker nie das äußere Erscheinungsbild dieses Modells. Der 1980er sieht daher auf den ersten Blick aus wie der aus den 1950er Jahren. Wer also eines der zuletzt produzierten Modelle fährt, besitzt einen relativ modernen Klassiker, mit Servolenkung, Servobremsen und dem Turbo Hydramatic 400 Automatikgetriebe von GM, das auch in Cadillacs, Rolls Royces, Ferraris und Jaguars Verwendung fand. All diese Annehmlichkeiten kombiniert mit einem coolen 50er Jahre Look und Styling. Das und die massiven Aluminium-Schlachtschiff-Stoßfänger der jüngeren Autos, 1973 gesetzlich eingeführt, um 8 km/h-Crashs undeforniert zu überstehen, machten einen Checker unverwechselbar. Ob an einer Downtown-Straßenecke oder auf der Kinoleinwand – trotzdem assozierten viele Leute den Wagen mit Chrysler oder einem GM-Design nicht mit einer obskuren Firma aus Kalamazoo, was sowieso viel mehr nach einem australischem Outback-Kaff klang als nach den guten alten US of A.
Durchschnittlich verliessen nur etwa 4500 Checker-Automobile die Fabrik pro Jahr. Aufgrund der geringen Größe konnte die Checker-Company sehr flott auf Kundenwünsche reagieren. Die Autos wurden per Hand zusammengesetzt, nicht massenproduziert, was es heute schwieriger macht sie zu restaurieren, da die Arbeiter Teile verwendeten, die gerade zur Vefügung standen und irgendwie funktionierten. Nach dem Motto :“Eh, ich brauch nen Vergaser. Yeah, da hinten liegt noch einer im Regal.“
Checker fertigte über die Jahre auch ein paar Sondermodelle des berühmten Taxis. Da waren die sogenannten Aerobusse, verlängerte Versionen mit sechs oder acht Türen, das seltsam aussehende Medicar mit einem erhöhten Kugeldach, um Rollstühle einzuladen, Kombis, einige Ambulanzen und sogar ein paar Polizieautos.
Checkers waren einzigartig unter den Taxis, nicht nur aufgrund ihres Aussehens, sondern vor allem weil sie die einzigen Taxis waren, die speziell als kommerzielle Autos gebaut worden sind und erst später für Privatkunden erhältlich waren. Andere Hersteller taxifizierten einfach ihre existierenden Pkw-Modelle.
ür die harte Arbeit waren Checker stabil konstruiert, um selbst härteste Beanspruchungen zu überstehen, ohne zusammenzubrechen. Ein massiver Lkw-Rahmen auf den die Karossierie aufgeschraubt wurde, machte einen fast ganz flachen Innenraum möglich. Die vordere Radaufhängung hatte Heavy-Duty-Federn, stark genug, um eine kleine Partyrunde zu transportieren. Hinten versuchten dicke Blattfedern die Schlaglöcher glattzubügeln.
Aber am Ende half auch das nichts mehr. Gnadenlos über schlaglochübersäte Straßen geprügelt, Schicht um Schicht, Tag für Tag, summierten sich durchschnittlich etwa 300 000 Kilometer per Jahr auf der Uhr und Checker drohten auszusterben wie die Saurier der Jurazeit. Speziell nach 1982 als die Produktion eingestellt wurde.
Glücklicherweise haben Checkertaxis mittlerweile coolen Kultstatus erreicht. Hautpsächlich aufgrund unzähliger Filmauftritte, in Taxi Driver, Die Klapperschlange, Stuart Little oder, wie bereits erwähnt, Carlitos Way.
Das allerletzte offizielle, arbeitende, gelbe New York Checkertaxi ging 1999 in Rente. Sein Fahrer, ein Jamaikaner namens Earl Johnson, hatte 1,.6 Mio. Kilometer mit dem Wagen abgerissen. Sothebys in New York versteigerte ihn. Das letzte Gebot – US$ 134 500 – machte Checker endgültig zu gesuchten Sammlerstücken und urbanen Legenden.
Es wird geschätzt, dass ungefähr 100 000 Checker die Fabrik in Kalamazoo zwischen 1956 und 1982 verlassen haben, wovon etwa 20 000 Nicht-Taxis waren. Laut Checker Car Club of America gibt es weltweit nur noch etwa 1500 Autos in verschiedenen Aggregatzuständen. Hauptsächlich zivile Marathon-Modelle mit Filmproduktionsgesellschaften in New York und Hollywood und gelb lackiert, um wie die berühmten Taxis auszusehen. Eine einfache Möglichkeit, um ein “echtes” Taxi (A-11) von einem konvertierten Marathon (A-12) zu unterscheiden, ist die Fahrgestellnummer. Die von den Taxis startet mit A11, die von den Marathons mit A12. Offensichtlich sind originale A-11 heute so rar wie Schweinschnitzel bei einer Talibanhochzeit, da sie die Arbeitspferde waren. Habe ich eigentlich erwähnt, dass der Checker in dieser Story ein A-11 ist?
- In 1999, the Twin Towers were still standing, but look at this one cloud...
- Two generations of American cabs: Checker and Chevy
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