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Elefanten treffen – OR 2/2011
Posted: January 2011 | Publication:

An der Kreuzung bei Otjiveze geht es Richtung Okongwati weiter. Die DR 3703 gehört dann eindeutig zur Kategorie Allrad-Abenteuer. Oft nur im Schrittempo lassen sich die gewaltigen Auswaschungen und Felsbrocken überwinden. Die Landschaft wird zunehmend bergiger. Im Kriechgang ächzt der Wagen gewaltig steile Hänge nach oben und auf der anderen Seite, wie auf einer Achterbahn, wieder hinunter. Eine grandiose Urlandschaft breitet sich aus. Einige Orientierungspunkte liegen auf der Strecke: ein Windrad, eine alte Staumauer und die Grabstätte eines Himba-Häuptlings. Schlieβlich fällt der Weg steil in ein grob geschottertes Flußbett ab, führt durch eine enge, von gewaltigen Granitfelsen flankierte Schlucht, durch die das Auto gerade durchpasst. Kurz darauf ist die Kreuzung bei Otjitanda erreicht, an der uns die blaue Linie des GPS rechts vorbeiführt.

Am Nachmittag ist der kleine Kraal Otjihende erreicht, der von der Piste durchquert wird. Der weitere Verlauf der Strecke ist wieder fast unwirklich schön. Vor allem wegen der hier gedeihenden Euphorbien mit ihren glatten, rötlichen Stämmen.

Ganz plötzlich endet das Plateau an einem Steilabbruch, der etwa 200 Meter von der Piste entfernt liegt –ein ganz ausgezeichneter wilder Campingplatz. Aber unsere Zelte für die Nacht stehen einige Höhenmeter tiefer. Unten, wo sich das grasbewachsene Tal des Marienflusses bis zum Horizont erstreckt. Dazwischen liegt er: der berüchtigte Van Zyl’s Pass, eine der steilsten Bergpisten im südlichen Afrika – 572 Meter Höhenunterschied auf 10,4 Kilometern. Im ersten Kriechgang, sprich Schrittempo, geht es hinunter. Stoßdämpfer und Fahrwerk ächzen. Riesige Felsbrocken neigen den Wagen adrenalinfördernd schräg Richtung Abgrund. Selbst im kleinsten Gang ist das Auto zu schnell. Ganz zartes Bremsen ist angesagt – nur nicht die Räder blockieren lassen, sonst rutscht die ganze Fuhre ab. Kommt das Fahrzeug ins Rutschen, muß genau das getan werden, was man instinktiv auf keinen Fall möchte: kurz Gas geben, um den Wagen wieder zu stabilisieren. An einer besonders tiefen Auswaschung hebt sich das rechte hintere Rad noch einmal fotogen vom Boden ab. Danach folgt ein atemberaubender Steilhang aus losem Schotter, und der Talboden ist erreicht. Dort, unter einem Baum haben zahlreiche Bezwinger ihre Erfolgsbotschaften in Stein verewigt.

Auf sandiger Piste geht es, zwischen Hartmann- und Otjihipa-Bergen, flott Richtung Norden. Die hohe Geschwindigkeit ist im ersten Moment ganz ungewohnt. Doch unser Zeltcamp samt Buschküche, eines von Vieren in freier Natur, ist nur wenige Kilometer entfernt. Nach einem herzhaften Südwester-Frühstück fahren wir früh am Morgen los. Nach einigen staubigen Kilometern ist einer der wichtigsten Orientierungspunkte im Kaokoland erreicht: Rooidrom, die „rote Tonne“ – eine mit Steinen gefüllte, von zahlreichen Einschüssen gelochte rot angemalte Öltonne mitten im Nichts, aber an einem Knotenpunkt, wo fünf Pisten zusammenlaufen. Auf der Landkarte ist sie so groβ wie ein Ort eingezeichnet. Die Vegetation wird immer wüstenhafter. Etwa 30 Kilometer westlich von Red Drum geht es Richtung Norden ins Hartmann Valley.

Die Nähe zur Namibwüste spiegelt sich in der kargen Landschaft wider. Weite, fast vegetationslose Ebenen, nur manchmal unterbrochen von rotbraunen Inselbergen, ziehen sich bis zu den schroffen Bergketten. Nach seltenen Regenfällen verwandeln sich diese Flächen in grüne Gärten. Dann wagen sich neben Springböcken auch Oryxantilopen aus den Trockenflußtälern heraus, um zu äsen. Auf dem Weg nach Norden unterbricht nur das Rattern des Autos auf der Wellblechpiste die Monotonie der grandiosen Wüstenlandschaft. Am Ende versperrt ein gewaltiger Dünengürtel die Weiterfahrt. Über eine steile Sanddüne rutschen wir zum Kunene hinunter. Springböcke nagen an der kargen Vegetation. Ein großer, schwarzer Geier kreist über den Besuchern. Dort, direkt am Kunene liegt das absolute Übernachtungs-Highlight der Tour: Serra Cafema, eine luxuriöse Lodge. Wir übernachten in wunderbar, dekadenten Zimmern mit Himmelbetten und Kupferwaschbecken und dinieren unter einem klaren Sternhimmel bei Fackellicht.

Ein Platz, an dem es schwer fällt, weiterzufahren. Auf dem Rückweg folgen wir den Spuren der Anfahrt. Von Westen her dringt manchmal der etwas unheimlich wirkende Nebel der Skelettküste bis ins Tal. Am Ende des Hartmann Valley geht es weiter nach Süden. Nach 73 km ist die Kreuzung erreicht, wo die Zufahrt nach Orupembe abzweigt. Der Himba-Ort mit Brunnen liegt drei Kilometer entfernt. Von der Kreuzung führt eine gut ausgebaute Piste bis Purros. Rechts und links des Weges tauchen immer wieder größere Gruppen von Oryxantilopen auf. Die Autos ziehen mächtige Staubwolken hinter sich her.

Zunächst führt die Piste jedoch gut ausgebaut von Purros nach Tomakas, dessen Pumpe nach 46 Kilometern erreicht ist. Nach insgesamt 69 Kilometern öffnet sich rechts ein breites Tal, in das eine kleine, leicht zu übersehende Piste abzweigt. Mit herangezoomten GPS kein Problem. Der Sandweg führt auf eine Felsformation zu, deren Gipfel ein Witzbold mit einem Telefonapparat ausgestattet hat – ein skurriler und fotogener Orientierungspunkt. Dem Obias River folgend, gelangen wir ins breite, sandige Bett des Hoanib, einem bevorzugten Aufenthaltsort der Wüstenelefanten. Der Flußsand ist tief und schwer. Im Kriechgang quält sich der Geländewagen voran. Rechts und links des trockenen Wasserlaufes gedeiht eine üppig grüne Pflanzenwelt, deren Wurzeln das Grundwasser erreichen. Die Wüstenelefanten sind nervöser als ihre Artgenossen in anderen Teilen des südlichen Afrika. Der Wassermangel und die ständige Suche nach dem lebensnotwendigen Naß machen sie agressiver. Für ein ausgewachsenes Tier wäre es kein Problem, einen Geländewagen umzuwerfen und in den Boden zu trampeln.

Deshalb warnt Ralf eindringlich davor die Piste im Fluβbett zu benutzen, die parallel auβerhalb verlaufende Strecke sei die sicherere Wahl. Aber „sicher“ bringt mir kein Wüstenelefant-Foto. Bis jetzt haben wir noch keinen einzigen zu Gesicht bekommen. So entscheiden Tobias und ich aus „beruflichen“ Gründen ein biβchen im Fluss zu fahren. Scheinbar mühelos wühlt sich der Cruiser durch den teilweise tiefen, weichen Sand. An einer weiten Fluβmündung steht noch etwas Wasser. Elefanten-Dung liegt herum. Feucht-frisch und leicht dampfend. Daneben die charakteristischen runden Spuren. Dann sehe ich einen in der Ferne, aus einer Gruppe Makalani-Palmen herausschreiten. „Der kommt auf alle Fälle hier vorbei, lass uns parallel zur Piste parken, dann erwische ich ihn gut mit dem Tele“. Tobias wirkt nicht so richtig überzeugt, bringt das Auto aber trotzdem in die richtige Position. Motor aus. Aber Hand am Zündschlüssel, Fuβ auf der Kupplung, ersten Gang eingelegt. Der Dickhäuter kommt immer näher, wird zunehmend gröβer. Jumbo-Gröβe, XXX-large, Dickmann. Von wegen Tele, das wird ein Weitwinkel-Schuss. Shit, ein alter, ärgerlicher Bulle. „Ganz ruhig, wenn der den Motor hört, rastet er aus“.

Er wiegt seinen langen Rüssel hin und her, schwingt ihn schlieβlich lässig über seinen linken Stoβzahn. Jetzt nehme ich seinen an Zoo und Zirkus erinnernden Geruch durch die offene Scheibe wahr. Lautlos gleitet das gewaltige Tier auf den Landcruiser zu. Sein Rüssel berührt den Wagen, nimmt die Witterung auf und – läuft weiter. Der Kamera-Auslöser klingt fast obszön laut. Aus dem Augenwinkel beobachte ich Jumbo im Rückspiegel. Dann geht alles extrem schnell. Der Bulle dreht sich um, trompetet, kickt mit dem rechten Bein Sand und Schotter hoch, die prasselnd auf die metallene Haut des Toyotas niederregnen. „Jeeeeeetzt!!!“. Tobias reagiert verzögerungsfrei. Der Cruiser springt an, macht einen Satz nach vorne und sich aus dem Staub. Der sprintende Eli füllt den kompletten Rückspiegel aus. Was fast komisch aussieht. Kurz bevor er uns erwischt (und in den Boden trampelt), ändert sich der Untergrund. Scharfkantige, spitze Steine übersäen die Piste aufs Hochplateau. Der Elefant verlangsamt sein Tempo, bleibt schlieβlich stehen und trompetet uns triumphierend hinterher. Wir kichern hochfrequent wie schulschwänzende, heimlich rauchende Mädchen. „Das ist das Adrenalin, Tobias, gut gefahren“.

Wüstenelefanten sind übrigens keine Unterart des Afrikanischen Elefanten, sondern einfach nur bemerkenswert gut an die trockenen Bedingungen angepaßt. Sie können bis zu 80 Kilometer am Tag zurücklegen und haben ein erstaunlich gutes Orientierungsvermögen, das es ihnen ermöglicht, ein einmal vor Monaten entdecktes Wasserloch auf direktem Weg wiederzufinden.

Die Elefantenpopulation gehörte früher zu der im Etosha National Park. Nach dessen Verkleinerung um 77% teilte sie sich. Die im Osten verbliebenen Elefanten vermehrten sich zu schnell, was dazu führte, dass einige von Rangern erschossen werden mußten, um das natürliche Gleichgewicht wiederherzustellen. Der im Westen isolierte Bestand nahm im Gegensatz dazu immer mehr ab, da in der Kunene-Region und den Trockenflußbetten der Skeleton Coast nicht genug Schutz gewährt werden konnte. Zur Wilderei und der Trophäenjagd kam schließlich noch die gewaltige Dürre Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre. Im folgenden Jahrzehnt erholte sich die Elefantenpopulation im Nordwesten wieder leicht. Heute leben etwa hundert Tiere im Kaokoland. Noch stärker hat es die Spitzmaulnashörner erwischt, ebenfalls durch Wilderer und die große Dürre. Von 250 Tieren im Jahr 1934 war der Bestand bis 1991 auf nur noch elf Exemplare geschrumpft. Intensiver Schutz und das Enthornen vieler Tiere hat die Zahl heute wieder auf etwa hundert anwachsen lassen; damit sind die Kunene-Rhinos die einzige in der freien Natur lebende Spitzmaulnashornpopulation der Welt, die zunimmt. Südafrikas und Kenias Nashörner befinden sich alle in Reservaten und Schutzgebieten. Löwen, Leoparden und Geparden wurden von den Viehhirten fast ganz ausgerottet, da sie ab und zu Kälber, Schafe und Ziegen gerissen hatten. Spuren zeigen jedoch, dass einige Exemplare in abgelegeneren Regionen bis heute überlebt haben. Ab und zu dringen Löwen durch die Trockenflußbetten bis zur Skelettküste vor, um auf Robbenjagd zu gehen.

Dort, wo der Ganamub in den Hoanib mündet, verengt sich das Flußbett zur Schlucht. Das steinerne Portal läßt gerade einen Wagen durch. Spektakulär wird es, wenn Elefanten durch dieses „Nadelöhr“ gehen. „Unser“ Bulle bleibt jedoch das einzige Rüsselerlebnis.

Tierisch wird es trotzdem nochmal, an der Skelettküste wo bei  Cape Cross Zehntausende von Pelzrobben vor sich hinbrüllen und –stinken. Am vorletzten Abend wird es dann sehr Deutsch. Swakopmund an der Atlantikküste gilt als südlichstes Nordseebad. Wüste trifft hier übergangslos auf Würstchen. In Kücki’s Pub gibt es dann Schweinshaxen und Bier vom Fass.

Der beste Platz, um die Reise-Erlebnisse in passendem Ambiente zu rekapitulieren, findet sich jedoch am nächsten Tag in Windhoek, in der Nelson Mandela Avenue. Joe“s Beerhouse ist eine Institution und ein wahrer Jägermeisterschrein mit hunderten von leeren Flaschen als Teil der skurrilen Schrott-Deko. Mein absoluter Lieblingsslogan hängt neben dem ampelgeregelten Eingang zur Toilette: Our house wine is Jägermeister – Unser Hauswein ist Jägermeister. Deutsch-Nambianischer Humor in Reinkultur. So endet die Tour, wie sie begonnen hat, mit einem nach dem deutschen Reinheitsgebot gebrauten Windhoek Lager.

Info:

Immer noch abenteuerlich, aber mit kalkulierbarem Risiko verbunden ist eine die organisierte Geländewagentour durch das Kaokoland von Gravel Travel. Immer zwei Gäste fahren in einem Toyota Landcruiser, der mit weitreichenden Funkgeräten, GPS und Kühlschrank ausgestattet ist. Der erfahrene Enduro-Reiseveranstalter Ralf Möglich von Gravel Travel (www.gravel-travel.de) kennt jede Piste im Land und organisiert diese 4×4-Trips seit 2010.

Vom Autor und Fotografen dieser Geschichte, Dieter Losskarn (www.lossis.com), erschien im Juli 2010 das brandaktuelle Namibia-Reisehandbuch (Dumont-Verlag, Stuttgart, 384 Seiten, 22,95 Euro).





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