|
|
![]() Heft 2/2000
Text: Dieter Losskarn Polizist, Statist, Hauptdarsteller - die Geschichte eines Checker-Taxis, das nie eines war Einst kämpften sich Tausende von Checker-Taxis durch die Strassen von New York. Über das Internet kauften Elke und Dieter Losskarn ein ganz besonderes Exemplar dieser legendären Saurier und cruisten damit von Manhattan nach Florida. Der lang erwartete Augenblick naht. Wir stehen mitten in Manhattan, im "Big Apple", und erwarten das Ergebnis einer verrückten Entscheidung. Über das Internet haben wir ein originales Original-Checker-Taxi in New York gekauft, auf vier Polaroids und gut Glück hin! Mit dem Verkäufer, einem gewissen Orlando Lobelo, hatte ich nur per E-Mail und Telefon verhandelt. Er hatte eigentlich ganz seriös geklungen. "Warum ist der noch nicht da?" fragt Elke. Aber was ist schon eine halbe Stunde Verspätung bei dem Verkehrschaos in Manhattan. Da ist es! Schon von weitem sichtbar ragt eine gelbe Kuppel aus der Blechmasse heraus. Was uns augenblicklich vor Schreck zusammenzucken lässt, ist, dass das Auto beim Bremsen fast mit der Stossstange auf dem Asphalt aufschlägt und nach dem Anhalten milchig-grünliche Sosse aus dem Kühler läuft...Auch das noch, ein Auslaufmodell! Doch der grösste Schock kommt erst noch - Orlando Lobelo selbst. Der Name, eine Mischung aus Disneyworld und Lippen-Fettstift, hätte uns stutzig machen sollen. Orlando sieht aus wie ein illegaler kolumbianischer Einwanderer,der kleinen Mädchen vor der Grundschule Kokain verkauft. Langes, fettiges nach hinten gekämmtes Haar, dunkle Ringe unter den glasigen Augen, ein speckiges Jacket, ölverschmierte Hände und Fingernägel mit Trauerrand - kurzum: ein Typ, von dem man ein gebrauchtes Auto besser nicht kauft. Orlando grinst und fragt, ob wir das restliche Geld in Cash dabeihaben. Doch bevor die Kohle den Besitzer wechselt, wollen wir das Auto in einer Werkstatt von einem Mechaniker durchchecken lassen. Wie in einem Film, zu dessen unfreiwilligen Hauptdarstellern wir geworden sind, schaukeln wir mit "unserem" kolumbianischen Drogendealer-Verschnitt durch die Strassen Manhattans. Neonreklamen rauschen vorbei, Polizeisirenen heulen ihre durch unzählige Filme vertrauten Melodien, Menschen aller Hautfarben und Rassen drängeln sich über die Strassen. Je weiter südlich wir kommen, desto enger wird das Gedränge. East und Greenwich Village, Little Italy, Soho, Chinatown, Lower East Side statt im Kino, nun plötzlich in der Realität, hautnah, zum Anfassen, zum Riechen, zum Erfahren in einem Original-Checker-Taxi. Dann taucht tatsächlich die erste Tankstelle mit Workshop auf. Der russische Werkstattbesitzer hat zu viel zu tun, der Italiener gegenüber ebenfalls, kann uns allerdings einen Puertoricaner in einer Nebenstrasse, der 12th Street im East Village empfehlen, bei dem gerade noch eine Hebebühne frei sein soll. Orlando schwitzt mittlerweile heftig am Steuer, wir schlängeln uns durch das immer enger werdende Strassengewirr, A-, B- und schliesslich C-Street . Autowracks am Strassenrand, Graffitti an den Backsteinwänden, dann irgendwo zwischen "B" und "C" die Werkstatt mit einem fast verblichenen Schriftzug an der Wand. "Juans 12th Street Auto Repair" sieht aus aus wie die Location für einen New York-Thriller. Wir erwarten fast, dass Robert de Niro auf uns zukommt und seinen berühmten Taxi Driver-Satz "Are you talking to me?" loslässt. Dunkle Hinterhof-Atmosphäre, es riecht nach altem Öl, Auspuffgasen, ranzigem Fett und kaltem Schweiss. Keiner der ölverschmierten Mechaniker in einst wohl dunkelblauen Overalls scheint Englisch zu verstehen oder gar zu sprechen. Von der Strassenecke, wo sich eine Gruppe Latinos zusammengerottet hat, dröhnen Gettoblaster ihre agressiven Rapsongs, deren Vokabular sich auf Mother, Fucker und die Kombination beider Wörter zu beschränken scheint. Atilano, der Werkstatt-Manager, besitzt die aristokratischen Gesichtszüge eines zu Menschenopfern fähigen Indio-Priesters und spricht etwas Englisch. Er rüttelt, nachdem er das Taxi aufgebockt hat, erstmal an den Vorderrädern: Die Radaufhängungen sind völlig ausgeschlagen. Orlando meint, dass das bei Checker-Autos völlig normal sei und überhaupt nichts ausmachen würde. Unser Hohepriester sagt, dass wir damit nicht einmal aus der Stadt kommen würden, ohne, dass das Auto zusammenbricht. Es ist mittlerweile später Freitagnachmittag, wir hatten eigentlich vor nach einem bisschen Wochenend-Sightseeing am Montagmorgen loszutuckern. Atilano geht ans Telefon, wählt eine Nummer, unterhält sich in stakkatoartigem, aber melodischen Spanisch und legt auf. "Die Ersatzteile sind morgen früh da, mittags könnt ihr das Auto abholen. Einschliesslich Arbeit kostet euch das 300 Bucks. Übrigens ich hab noch nie so ein gut erhaltenes Checker-Taxi gesehen". Kein Wunder, trotz der erwähnten Probleme hat unser Checker nur jungfräuliche 90 000 Meilen gelaufen. Es sieht deshalb so gut aus, weil es nicht von einem Taxifahrer, sondern von der New Yorker Polizei gekauft worden ist, um verdeckt, sprich undercover, Drogendealer aufzuspüren und zu jagen. Was diesem Wagen zu einer weiteren Besonderheit verholfen hat. Er ist eines der ganz wenigen Taxis mit einem 245 PS starken 5,7 Liter-Achtzylinder-Chevy-Motor, der normalerweise nur für die "zivilen" Checker-Modelle auf Wunsch und gegen Aufpreis erhältlich war. Was damals Verfolgungsjagden zum Erfolg führte, trägt heute enorm zum Fahrspass bei. Oder, um Elwood in Blues Brothers zu zitieren: "Die Karre hat nen Bullen-Motor, Bullen-Stossdämpfer und 'n Bullengetriebe". Am späten Samstagnachmittag dann der grosse Augenblick. Ich drehe zum ersten Mal den Zündschlüssel um. Der Achtzylinder röchelt und blubbert los - ein toller Sound. Sanft schaltet das Automatik-Getriebe. Langsam, fast majestätisch rollt der Wagen aus der Werkstatt. Beim Bremsen kein Nicken mehr. Unglaublich, aber wahr. Das Auto läuft. Wir fahren tatsächlich durch die Strassen von Manhattan. Broadway, Wall Street, South Street Seaport, ja, und natürlich die Brooklyn Bridge. Über die Metallroste rattern wir hinüber, tuckern durch die schlaglochübersäten, kopfsteingepflasterten Strassen Brooklyns. Dann verlassen wir mit dem Taxi die Beton- und Glas-Canyons Manhattans für immer. Erst auf dem kurvenreichen Blue Ridge Highway durch herbstlich verfärbte Laubwälder, dann zurück an die Küste, die Outer Banks entlang. Überall, wo das gelbe Ungetüm auftaucht, erregt es nicht unerhebliches Aufsehen. Die Kommentare sind vielfältig: "Von dem Ding möchte ich nicht bei 80 mph getroffen werden", bis "Jeez, das ist aber eine weite Taxifahrt". Dann wird es heisser - und cooler. In Floridas Daytona Beach ist zwar keine Bike Week, aber trotzdem flanieren reichlich Mega-Babes am Strand, der bekanntermassen auch verbrennungsmotorgetriebenen Fahrzeugen offensteht. Wir cruisen im Schritttempo am Beach entlang und manche Sonnenanbeter kippen förmlich aus ihren Liegestühlen vor Überraschung. Wieder einmal lässt das gelbe Monster Corvetten und Mustangs alt aussehen. In Miami Beach dürfen wir dann zwar nicht mit dem Auto an den Strand, aber der Ocean Drive mit seinen wunderschön restaurierten Art Deco-Hotels, 50er Jahre Chrom-Diners und Neonreklamen bietet eine ideale Kulisse für unseren ungewöhnlichen Strassenkreuzer. Wie immer müssen wir dann, wenn es am schönsten ist zurück. Das Taxi verschwindet in der Nähe des Flughafens in einer dunklen Garage. Aber wir kommen wieder. Liebevoll täscheln wir ein vorerst letztes Mal seine riesige Motorhaube. Hasta la vista, Checker.
Über unser Taxi Last updated: |